2016 09 21 Mehr Vertrauen in die Polizei

Chemnitz, 21. September 2016. Unser Chefredakteur Urban Comploj traf sich zum Gespräch mit dem Chemnitzer Bereitschaftspolizisten Michael Specht.

Michael, warum bist du Polizist geworden?
Ich wollte nie einen Beruf ergreifen, bei dem schon morgens der gesamte Tagesablauf feststeht. Nicht zu wissen, was genau mich auf Arbeit erwarten würde, diese Spannung war ein ganz entscheidender Aspekt. Außerdem wollte ich etwas gesellschaftlich Sinnvolles leisten. Polizist zu werden lag da nahe.

Haben sich deine Erwartungen erfüllt?
Die Abwechslung ist auf jeden Fall da, und das jeden Tag. Als Bereitschaftspolizisten sichern wir Großlagen wie Demonstrationen und Fußballspiele – da weiß man nie, was passieren wird. Das macht den Job sehr spannend. Andererseits ist es auch oft nicht einfach. Wir erleben Hass, wir werden mit Gegenständen aller Art beworfen. Und wir werden mit viel Leid konfrontiert, mit sozialem Elend, schweren Verkehrsunfällen, Suiziden. Da fällt es manchmal schwer, die Arbeit nach Dienstende hinter sich zu lassen.

Macht dir dein Beruf trotzdem Spaß?
Ja, absolut. Es gibt auch schöne Momente. Wenn du bei minus zehn Grad Celsius an einer Sperre stehst und dir ein dankbarer Anwohner heißen Kaffee vorbeibringt. Wenn du mal wieder an einem Sonntagnachmittag im Einsatz bist und dir ein Bürger ein paar Pfannkuchen in die Hand drückt mit den Worten „Danke, dass ihr da seid!“. Das gibt Kraft. Und ich habe ein tolles Team, mit dem es Spaß macht, auf Arbeit zu sein.

Fühlen sich deine Kollegen und du überlastet?
Die Belastung ist schon enorm. Wir müssen viel mehr Einsätze fahren als früher. Dadurch bleibt weniger Zeit für die Sachbearbeitung. Für jede Handlung auf der Straße kommt noch einmal mindestens die doppelte Zeit für die Arbeit am PC dazu. Teilweise müssen wir im Einsatz am Laptop auf der Rücksitzbank die Schreibarbeit erledigen.

Wie lassen sich Privatleben und Beruf vereinbaren?
Einsätze ändern sich oft kurzfristig. Private Planung ist da kaum noch möglich. Länger als vier Tage können wir nicht im Voraus planen. Das belastet gerade Polizistenfamilien sehr. Dazu kommt: Wochenenden sind meist Arbeitstage. Private Termine müssen wir mit Urlaub absichern. Ich hoffe sehr, dass die Bereitschaftspolizei endlich personell entlastet wird.

Hand aufs Herz – würdest du deinen Beruf weiterempfehlen?
Man muss sich im Vorfeld genau informieren. Traut man sich diesen Job zu? Das meine ich vor allem psychisch. Der Polizeidienst kann mitunter sehr belasten. Wer mit dem Erlebten nicht umgehen kann, wird in diesem Beruf nicht glücklich werden. Wer sich das aber zutraut – dem sind Abwechslung und spannende Moment garantiert. Ich würde heute wieder Polizist werden, ohne Zweifel.

Wird die Arbeit von Polizisten ausreichend gewürdigt?
Für mich und viele meiner Kollegen ist es bitter, wenn nach Ausschreitungen die Schuld zuerst bei der Polizei gesucht wird. Es ist gut, dass Polizeiarbeit in einem Rechtsstaat überprüfbar ist. Aber wir erleben oft Vorverurteilungen unserer Arbeit. Kurze Videosequenzen aus dem Internet haben nichts mit objektiver Prüfung zu tun! Ich würde mich freuen, wenn es eine stärkere Kultur des Vertrauens in die Polizei geben würde.

 

2016 09 21 Michael Specht

Michael Specht ist 31 Jahre alt, Oberkommissar und seit 2009 Gruppenführer bei der Bereitschaftspolizei in Chemnitz. Er hat an der Fachhochschule der sächsischen Polizei in Rothenburg/OL studiert.